Makroökonomische Derivate als Investitions- und Prognose-Vehikel
Derivate, die auf makroökonomischen Daten wie Inflation, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit beruhen, können für Anleger ein Instrument sein, um sich gegen Risiken abzusichern. Ökonomen betonen die prognostischen Qualitäten solcher Derivatemärkte.
«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.» Dieses geflügelte Wort trifft besonders für Ökonomen zu, die Vorhersagen zu makroökonomischen Daten wie Inflation und Wirtschaftswachstum erstellen. Sehr oft müssen sie Einschätzungen revidieren und Modelle anpassen. Die Prognosen stellen aber eine wichtige Grundlage für die Entscheidungen vieler Investoren dar. Die Anleger sind jedoch nicht völlig ungeschützt gegen unliebsame Überraschungen an der makroökonomischen Wetterfront, denn sie können sich mit Hilfe von Finanzinstrumenten an den Devisen-, Anleihen-, Aktien- und Rohwarenmärkten gegen Risiken, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Wirtschaftsstatistiken stehen, absichern. Diese Vorgehensweise kann jedoch ein ungenauer Schutz sein, weil damit nicht direkt auf das Risiko einer unerwarteten Veränderung eines ökonomischen Indikators gezielt wird.
Konzentration auf die US-Wirtschaft
Um dieses Problem zu umgehen, wurden in den vergangenen Jahren makroökonomische Derivate entwickelt, mit denen Investoren ihre Positionen absichern oder direkt auf die Schwankungen der Wirtschaftsstatistiken setzen können. Vor etwa vier Jahren begannen Goldman Sachs und Deutsche Bank mit Derivate-Auktionen. Die ersten zwei Optionen liefen auf die Zahl der Beschäftigten ausserhalb des Landwirtschaftssektors in den USA und den Einkaufsmanager-Index des Institute of Supply Management. Danach folgten weitere amerikanische Makro-Daten und der harmonisierte Konsumentenpreisindex (ohne Tabak) im Euro-Raum. Dies war die erste erfolgreiche Einführung ökonomischer Derivate, nachdem die Lancierung ähnlicher Instrumente in früheren Jahren gescheitert war.
Im vergangenen Jahr ging Goldman Sachs eine Partnerschaft mit der Chicago Mercantile Exchange (CME) ein, auf deren Plattform diese Produkte gehandelt werden. Die amerikanische Kernrate der Inflation kam in diesem Jahr als Handelsmöglichkeit hinzu. Nach Angaben der CME nutzen institutionelle Investoren wie Banken und Fonds - besonders Hedge-Funds - die Plattform für ökonomische Derivate. Online-Anbieter wie Hedgestreet und tradesports offerieren auch Angebote für Privatanleger. Produkte, die auf Schweizer Wirtschaftsdaten basieren, sind keine bekannt. Insgesamt konzentriert sich das Interesse auf amerikanische Wirtschaftsdaten. So plant die CME beispielsweise nicht, in der nächsten Zeit weitere europäische Makro-Daten als Grundlage für Auktionen zu verwenden.
Mehr Spekulation als Absicherung
Einige kritische Stimmen weisen darauf hin, dass die Absicherungsfunktion ökonomischer Derivate überschätzt werde. Die wenigsten Investoren seien direkt dem Risiko überraschender Wirtschaftsdaten ausgesetzt. Die traditionellen Absicherungsinstrumente genügten vollauf. Vielmehr böten die ökonomischen Derivate den Anlegern eine Absicherung mit mehr - und nicht weniger - Basis-Risiko, was das spekulative Element dieser Instrumente unterstreiche. Als Beleg wird aufgeführt, dass derzeit bei den Auktionen nicht beobachtet werden könne, dass besonders extreme Positionen eingenommen würden. Dies sei aber das typische Muster, wenn sich Anleger mit Hilfe solcher Auktionen gegen Überraschungen absichern wollten.
Eine ähnliche Position nehmen die US-Ökonomen Refet Gürkaynak und Justin Wolfers in einer jüngst erschienenen Studie ein. Sie stellten anhand der Daten der von Goldman Sachs und Deutsche Bank gestarteten Auktionen fest, dass die Risikoprämien an diesen Märkten relativ gering seien. Daraus wird geschlossen, dass die ökonomischen Derivate einen gewissen Schutz gegen das Überraschungs-Risiko, aber nicht gegen eine umfassende Dämpfung der Rezession bieten.
Für die Ökonomen ist jedoch ein weiterer Aspekt wichtig: Neben der Möglichkeit der Absicherung und eines zusätzlichen Investitionsvehikels betonten sie die prognostischen Qualitäten der Märkte, an denen Inflation und Wirtschaftswachstum gehandelt werden. An Märkten fliessen die verstreuten Informationen der Marktteilnehmer zu einem Preis zusammen. Weil dahinter Geldinteressen stecken, ist der Marktpreis nicht nur ein zufälliges Ergebnis, sondern spiegelt die «besten» Einschätzungen der einzelnen Teilnehmer. Gürkaynak und Wolfers verglichen die Resultate an den Märkten für ökonomische Derivate mit den Konsensprognosen der Experten. Sie kamen zum Ergebnis, dass die auf Märkten beruhenden Vorhersagen genau so gut - wenn nicht besser - waren wie die Prognosen, die mit Hilfe von Umfragen bei Experten eruiert wurden. Der wesentliche Vorteil von Prognosemärkten ist jedoch laut den Wissenschaftern, dass eine Verteilung der unterschiedlichen Einschätzungen erstellt werden kann. Dadurch kann die Unsicherheit, mit der die Käufer und Verkäufer in diesem Markt agieren, gemessen werden.
Der Handel mit ökonomischen Daten
gho. Die Auktionen mit ökonomischen Derivaten laufen ähnlich ab wie der Handel mit üblichen Optionen und Forwards. In einem einfachen Fall werden sogenannte digitale Optionen gehandelt. Wenn beispielsweise ein Fonds-Manager der Überzeugung ist, dass die Zahl der Beschäftigten stärker steigt als von der Konsens-Prognose angegeben, kann er eine Kaufoption erwerben. Bei einer digitalen Option erhält der Fondsmanager eine fixe Summe ausbezahlt, wenn die veröffentlichte Zahl über einem im Voraus bestimmten «Ausübungspreis» bzw. einer Beschäftigten-Schwelle liegt. Er erhält nichts, wenn die veröffentlichte Zahl der Beschäftigten einen Wert unter der Schwelle annimmt. Typischerweise werden an einer Auktion um die 10 bis 20 Optionen mit unterschiedlichen Ausübungspreisen gehandelt. Neben Kauf- werden auch Verkaufsoptionen angeboten. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) offeriert auch andere Derivate wie sogenannte Vanilla-Optionen und Forwards. Die Besonderheit der CME-Auktion ist, dass nicht wie sonst an Finanzmärkten üblich ein Käufer einer bestimmten Option einem Verkäufer gegenüberstehen muss. Vielmehr gehen die Akteure wie bei Pferderennen eine Wette gegen alle anderen Akteure ein. Dadurch wird die Liquidität des Marktes erhöht.




