Wie Spieler Unternehmen helfen können
Vor 36 Jahren trennten sich die Beatles (www.beatles.com). Am 30. April 1970 verkündete Paul McCartney, das sei es nun gewesen. Anschließend verklagte er John Lennon, George Harrison und Ringo Starr. Das letzte Album der Beatles hieß Abbey Road und war tatsächlich eine Langspielplatte: aus Vinyl, schwarz, Hülle aus Pappe.
Ihre CD "A Bigger Bang" haben die Rolling Stones (www.rolling stones.com) im September 2005 veröffentlicht. Zur Zeit sind sie auf Welttournee, am Mittwoch in Stuttgart. Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood haben noch nie so viel verdient wie im ersten Halbjahr 2006: 147 Mio. Dollar.
Die Beatles gibt es seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr. Die Rolling Stones haben ihren rüden Lebenswandel größtenteils durchgehalten und sind immer noch im Geschäft. Welche von beiden Bands ist die bedeutendere? Die Beatles. Sagt jedenfalls Google.
Bei Google Trends (www.google. com/trends) kann jedermann erfahren, wie's die Welt, zum Beispiel, mit den Beatles hält. Diese Google-Funktion kumuliert die bei der Suchmaschine eingegangenen Anfragen. Bis zu fünf Begriffe lassen sich eingeben, Google Trends stellt dann grafisch dar, wie sehr das jeweilige Thema in den vergangenen Jahren gefragt war. Beatles gegen Rolling Stones geht so aus: Lennon-McCartney schlagen Jagger-Richards deutlich.
Google Trends bildet, wenigstens in groben Zügen, eine Art Durchschnittsmeinung (relevant/nicht relevant) der Google-Nutzer ab. Hier besteht eine gewisse Verwandtschaft zu Informationsmärkten. Die sollen nicht weniger leisten als einen Blick in die Zukunft. Das kann Google Trends nicht. Noch nicht.
Ein Informationsmarkt ist eine Börse, an der die Marktteilnehmer - teils mit harter Währung, teils mit Spielgeld - darauf wetten, daß ein Ereignis eintritt, oder eben nicht. Es geht um Termingeschäfte. Nur beziehen sich diese Futures eben nicht auf Schweinebäuche oder gefrorenes Orangensaftkonzentrat, sondern auf das Potential von Kinofilmen, die Durchsetzungskraft neuer Technologie-Produkte (http://buzz.re search.yahoo.com/bk/index.html), Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen (www.biz.uiowa.edu/iem/) oder die Wahrscheinlichkeit, daß es 2006 mehr Unwetterkatastrophen geben wird als 2005, da waren es 127 (http://weforum.newsfutures.com/). Hört sich wie ein Spiel an? Ist auch eins. Und die Spieler liegen oft richtig, auch wenn sie keine Experten sind.
James Surowiecki, Kolumnist des US-Magazins "New Yorker" (www.newyorker.com/talk/), hat daraus einen Bestseller gemacht. "The wisdom of crowds" (www.wisdomofcrowds.com) ist voller Beispiele für die Intelligenz der Masse. Ob es darum geht, das Gewicht eines Schweins zu schätzen oder ein verschollenes U-Boot zu finden: Amateure kommen meist zu besseren Resultaten als Fachleute. Denn immer hat irgendwer irgendwoher irgendwelche Informationen, die irgendwie in sein Urteil einfließen. Mit dem Modell einer Börse werden diese Informationen zusammengefaßt und gewichtet, der Trend wird sichtbar.
So wie steigende Kurse an der Börse signalisieren, daß bei dem betreffenden Unternehmen wohl gute Nachrichten anstehen, können Bewegungen an Informationsbörsen darauf hinweisen, daß es, verborgen in der Masse, wesentliche Informationen zu künftigen Ereignissen gibt.
An der Hollywood Stock Exchange (www.hsx.com) kann man, zum Spaß, "Moviestocks" handeln, die an das Einspielergebnis der jeweiligen Filme gekoppelt sind, und "Starbonds", mit denen auf die künftige Berühmtheit von Filmgrößen spekuliert wird. Der zweite Teil von "Fluch der Karibik" ist die zur Zeit teuerste "Aktie", die an der HSX gehandelt wird. Der Kurs hat sich seit August 2003 kontinuierlich nach oben bewegt - das Piratenspektakel fanden nicht wenige offenbar schon lange vor dem Kinostart vielversprechend. Hauptdarsteller Johnny Depp liegt leicht im Plus.
In Unternehmen werden Informationsmärkte eingesetzt, um Dinge zu erfahren, die im Plan nicht vorgesehen sind. Markttrends sollen Entscheidungen unterstützen. Bei Hewlett Packard (www.hpl.hp.com/research/ idl/) wurde über eine interne Börse auf die Quartalsergebnisse gewettet. Der Pharmakonzern Eli Lilly (www.lilly.com) hat einen internen Informationsmarkt, um vorherzusagen, welcher Wirkstoff die größten Chancen hat, die klinische Testphase zu bestehen.
Bei Siemens (www.siemens.de) geht es um die Laufzeit von Software-Projekten, bei Intel (www.intel.com) um die Verteilung der Chip-Produktion auf einzelne Werke, bei Microsoft (www.microsoft.com) um die Frage, wie viele Korrekturen ein neues Programm wohl benötigt, nachdem Softwaretester es sechs Monate in der Mangel hatten. In der Theorie (und oft auch in der Praxis) sind die Ergebnisse all dieser Märkte präziser als die Powerpoint-Vorlagen des Managements. Auch Google hat unternehmensintern inzwischen Informationsmärkte eingeführt. Die sollen unter anderem helfen, Verzögerungen bei Produktstarts zu erkennen.
Die Komplexität von Informationsmärkten erreicht Google Trends nicht. Wenn aber die Individualisierung weiter zunimmt, wird es vielleicht möglich werden, aus der Web-Masse mit einem raffinierten Mechanismus Profile von Nutzern herauszufiltern anhand von Blogs, Ebay-Auktionen, Bewertungen bei Amazon, Einträgen auf Online-Foren. Und diese Profile auf bestimmte Auffassungen, Einsichten, Meinungen zu überprüfen und die "Weisheit der Masse" anzuzapfen.
Von den vier Beatles übrigens interessiert die Google-Nutzer John Lennon am meisten. Bei den Rolling Stone ist es Keith Richards. Er liegt immer noch leicht vor Mick Jagger.
Quelle: welt.de




